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Durch Supply Network Planning die logistische Leistungsfähigkeit steigern

Durch Supply Network Planning die logistische Leistungsfähigkeit steigern

DIE UNSICHERHEITEN BEI DER PLANUNG VON BEDARFEN UND KAPAZITÄTEN IN WERTSCHÖPFUNGSNETZEN LASSEN SICH BEHERRSCHEN von Andrej Ressel, TMG CONSULTANTS

Immer mehr Unternehmen stellen ihre Produkte in Wertschöpfungsnetzen mit mehreren räumlich und organisatorisch verteilten Werken her. Um diese Netze optimal managen zu können, ist eine werke- oder sogar unternehmensübergreifende Planung und Steuerung von Bedarfen und Kapazitäten erforderlich. Ein professionelles Supply Network Planning ermöglicht es den Unternehmen, die vielfältigen Unsicherheiten in der taktischen und operativen Planung von Bedarfen und Kapazitäten beherrschbar zu machen. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür sind Planungs-Tools, die den heutigen Anforderungen globalisierter Wertschöpfungsnetze gerecht werden. Allerdings reicht es bei weitem nicht aus, ein passendes Tool auszuwählen und zu implementieren. Um die Herausforderungen im Supply Network Planning zu meistern, sollten produzierende Unternehmen einem ganzheitlichen Optimierungsansatz folgen.

Wer sich intensiv mit dem Thema Supply Network Planning in der betrieblichen Praxis auseinandersetzt, wird relativ schnell feststellen, dass es vor allem in Unternehmen mit mittelständischer Prägung erhebliche Mängel auf diesem Gebiet und damit ein entsprechend großes Potenzial für Verbesserungen gibt:

  • Vertriebs-/Produktions- und Beschaffungsziele sind nicht oder nur völlig unzureichend miteinander abgestimmt
  • Mittelfrist-Planungen gibt es oft nicht
  • Produktions- und Beschaffungsplanungen werden isoliert vom Marktbedarf vorgenommen
  • Die tatsächlich erforderlichen Ressourcen (Personal, Maschinen, Werkzeuge, etc.) werden nicht ausreichend berücksichtigt
  • Planungsregeln und -logiken (zum Beispiel im Hinblick auf Auftragseinplanung vor/nach Bestelleingang, Planungshorizont für die Fixierung von Fertigungsaufträgen) fehlen oder sie sind in sich inkonsistent
  • Die Unterstützung durch die eingesetzten Produktionsplanungs- und Steuerungs-Tools reicht häufig bei weitem nicht aus

Aktuelle Herausausforderungen und Trends – wie die Volatilität der Märkte, die weiter voranschreitende Globalisierung, das Ansteigen der Komplexität und ein sich wandelndes Kundenverhalten („Mass Customization“) – haben zur Folge, dass die Unternehmen in zunehmendem Maße dazu gedrängt werden, sich mit den oben genannten Defiziten auseinanderzusetzen und vorhandene Potenziale zu erschließen. Wer dies unterlässt, läuft unweigerlich Gefahr, gegenüber dem Wettbewerb an logistischer Leistungsfähigkeit einzubüßen. Denn: Zu kompensieren sind Planungsdefizite dieser Art allenfalls über den Aufbau von Sicherheitsbeständen. Die damit verbundenen Kapitalbindungskosten würden die Wettbewerbsfähigkeit jedoch auf Dauer belasten. Viele Unternehmen können sich eine derartige Belastung in der heutigen Zeit auch überhaupt nicht mehr leisten.

Planungsaufgaben, die auf die Gestaltung und die Struktur des zukünftigen Wertschöpfungsnetzes zielen, sind nicht Bestandteil des Supply Network Planning, sondern des Supply Network Design. Auf diese Thema gehen wir im weiteren Verlauf dieses Artikels nicht ein.

Nutzen spezieller Planungs-Tools

Untrennbar verbunden mit dem Supply Network Planning ist die Frage nach Software-Lösungen, welche die Unternehmen bei der Bewältigung der komplexen Planungsaufgaben in optimaler Weise unterstützen. Generell kommen hierfür drei Typen von Planungs-Tools in Frage:

  1. ERP-Systeme
  2. APS (Advanced-Planning-Systeme bzw. Advanced Planning and Scheduling)
  3. SCM-Tools

Da letztere Gruppe der SCM-Tools sehr inhomogen ist – die Bandbreite erstreckt sich von Warehouse-Management-Systemen bis hin zu Produkten, die über Bedarfs- und Kapazitätsplanungsfunktionalitäten verfügen –, reduziert sich die weitere Betrachtung auf ERP-Systeme und APS.

Ein Blick auf die Systemarchitektur enthüllt: APS „thronen“ über den ERP-Systemen und beinhalten im Grundsatz (fehlende Standardisierung!) die wesentlichen Funktionalitäten, die für ein Supply Network Planning erforderlich sind. APS sind als Planungs-Tools konzipiert, die durch die Integration anspruchsvoller mathematischer Lösungsalgorithmen der Entscheidungsunterstützung dienen. Allerdings sind diese Advanced Planning Tools auf die Ausführungsunterstützung der ERP-Systeme sowie auf deren Datenbereitstellung über transaktionsorientierte Datenbanken angewiesen.

Ein Vergleich der beiden Systeme zeigt signifikante Unterschiede bezüglich der konzeptuellen Charakteristik: Während APS – wie bereits erwähnt – auf dem Konzept der hierarchischen Produktions­planung beruhen, fußen die ERP-Systeme in der Regel auf dem MRP II-Ansatz. Dieser hat unter anderem zur Folge, dass Termin- und Kapazitätsaspekte nachrangig behandelt werden, eine Einlastung häufig mit konstant definierten Kapazitätsangeboten erfolgt und statische Durchlaufzeiten verwendet werden, die unabhängig von der geplanten Ressourcenbelegung sind. Ferner sorgen lange Batchlaufzeiten für eine eingeschränkte Aktualität der Planungsergebnisse. APS behandeln Mengen-, Termin- und Kapazitätsaspekte demgegenüber integriert bzw. simultan, berücksichtigen Änderungen in Echtzeit und ermöglichen neben einer werkübergreifenden Planung sogar eine, die über die Unternehmensgrenzen hinausgeht („Kollaborative Planung“).

Über die Funktionalität der Mehrwerkeplanung lässt sich zudem ein breites Feld zusätzlicher Vorteile erschließen. Zu nennen sind hier insbesondere die Synchronisation von Bedarfen sowie schnelle und zuverlässige Terminaussagen auf Basis einer aussagekräftigen „Available to Promise“-Prüfung. Auch ein strafferes Bestandsmanagement wird ermöglicht.

Im Ergebnis können wir also festhalten: auch für mittelständisch geprägte Unternehmen gibt es inzwischen Software-Lösungen, die den heutigen Anforderungen globalisierter Wertschöpfungsnetze mit der Einbindung vieler Partner, mit hohen Unsicherheiten auf den Absatz- und Beschaffungsmärkten und der zunehmenden Variantenvielfalt gerecht werden. Geeignete Planungs-Tools sind überwiegend im Bereich der Advanced-Planning-Systeme zu finden.

 

Abbildung 1:
Eignung von APS- und ERP-Lösungen für den Planungs- und Steuerungsprozess in Wertschöpfungsnetzen im Vergleich

Allerdings reicht es bei weitem nicht aus, eine anforderungsgerechte Planungs-Software auszuwählen und zu implementieren, um die vielfältigen Herausforderungen auf dem Gebiet des Supply Network Planning zu meistern. Bereits im Vorfeld dieser Maßnahmen bedarf es weiterer Schritte, die auf klaren Zielen, einem realistischen Scoping und dem richtig definierten Umfang des Projektes beruhen. Diese Punkte gilt es, unbeeinflusst von möglichen Software-Lösungen zu erfüllen. Im Sinne eines ganzheitlichen Optimierungsansatzes sollte zunächst die Produktionsstrategie beleuchtet und einem Review unterzogen werden. Zu thematisieren sind hier unter anderem Fragen nach den Produktionszielen und die grundsätzliche Gestaltung des internationalen Footprints.

Die damit verbundenen Festlegungen stellen die Basis für die anschließende Konzeption eines Supply Network Planning dar. In dieser Phase geht es unter anderem darum, verbindliche Planungsregeln, Planungsprozesse und deren organisatorische Verankerung zu definieren.

Erst mit dem nächsten Schritt sollte die Auswahl der Software auf Basis des erarbeiteten Planungskonzeptes erfolgen. Parallel hierzu müssen die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden, insbesondere: Festlegen funktionsbezogener Arbeitsinhalte/Tätigkeiten, Personaldimensionierung, Erstellen eines Stellenbesetzungsplans und einer Transfermatrix, usw. Denn: die Implementierung eines Supply Network Planning ist fast immer mit der Ausweitung von Planungsaufgaben und einem somit zumindest selektiven Personalaufbau verbunden. Angesichts der erzielbaren Verbesserungen kann diese „Investition“ nach TMG-Erfahrungen allerdings vernachlässigt werden.

Die Realisierung des Supply-Network-Planning-Konzeptes schließt sich unmittelbar an diesen Vorgehensschritt an. Hier geht es dann vor allem darum, die organisatorischen Strukturen anforderungsgerecht zu adjustieren und das Planungs-Tool professionell zu implementieren. Als Konsequenz der Ablauflogik ergibt sich – last but not least – eine weitere Phase: die Optimierung des Supply Network Planning im laufenden Betrieb. Hier stehen dann sowohl konzeptionelle und prozessuale als auch systemseitige Nachbesserungen im Fokus.

Wie sind nun die Einflüsse der einzelnen Projektphasen im Hinblick auf die erfolgreiche Realisierung eines Supply Network Planning zu bewerten?

  • Die Festlegung bzw. Revision der Produktionsstrategie hat zwar keine unmittelbare Auswirkung auf das erzielte Ergebnis, ist aber gleichwohl eine elementare Voraussetzung.
  • Die Einflüsse der Phasen „Konzeption“ und „Schaffen der organisatorischen Voraussetzungen“ sind gleichermaßen hoch einzustufen. Nicht zuletzt werden hier ja die entscheidenden Weichen für die zukünftige Planung und deren systemseitiger Implementierung gestellt.
  • Die Phase der Realisierung kann im Wesentlichen als Absicherung der „auf dem Papier“ hinzugewonnenen Planungsqualität betrachtet werden. Aufgrund ihres Charakters kommt dieser Phase daher eine eher geringe Bedeutung zu. Gleichwohl sollten Unternehmen das Fehleranfälligkeitspotenzial, das für diesen Schritt typisch ist, unter keinen Umständen unterschätzen.

Das skizzierte Vorgehen zur Planung in Wertschöpfungsnetzen hat sich bereits mehrfach in Beratungsprojekten bewährt. Gezeigt hat sich dabei, dass es mit Hilfe des ganzheitlichen Optimierungsansatzes möglich ist, eine kosten- und serviceleveloptimale Marktversorgung zu erreichen. Gleichzeitig lassen sich kostenseitige Belastungen in Gestalt höherer und zusätzlicher Bestände vermeiden. Die Wettbewerbsfähigkeit wird somit nicht nur zusätzlich, sondern auch nachhaltig gestärkt.

TMG INSIGHTS 08: "Antriebskonzepte der Zukunft"

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