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Kurzfristig Kostenvorteile im Produktionsnetz generieren

Kurzfristig Kostenvorteile im Produktionsnetz generieren

EINE VERLAGERUNG ARBEITSINTENSIVER PROZESSE NACH OSTEUROPA KANN FÜR PRODUZIERENDE UNTERNEHMEN EINE ATTRAKTIVE OPTION SEIN, UM DAS KOSTENNIVEAU NACHHALTIG ZU SENKEN. von Alexandru Popovici und Friedrich Steisslinger, TMG CONSULTANTS

Der globale Wettbewerb zwingt Industrieunternehmen dazu, alles zu tun, um jederzeit ein wettbewerbsfähiges Kostenniveau zu gewährleisten. Jetzt, da die Aufträge weggebrochen sind und die Umsätze nicht mehr stimmen, kommt kostensenkenden Maßnahmen eine umso größere Bedeutung zu. Der Druck, schnellstens von einem zu hohen Kostenniveau herunterzukommen, ist akut. Deshalb müssen jetzt auch Optionen auf Machbarkeit geprüft werden, die bei gut laufender Konjunktur wohl „unter der Decke geblieben“ wären. Zu diesen Themen gehört zweifelsohne die Verlagerung eines Teils der Produktion in ein Best Cost Country, vorzugsweise nach Osteuropa. Vor allem Unternehmen, in denen es noch immer Prozesse mit einem hohen arbeitsintensiven Anteil gibt, verfügen mit einer solchen Verlagerung über einen äußerst wirksamen Hebel, um relativ kurzfristig nachhaltige Kosteneinsparungen in substanzieller Höhe zu erzielen. Doch Vorsicht ist geboten: fehlt es am erforderlichen Know-how zu den vielfältigen Besonderheiten in den verschiedenen Regionen des osteuropäischen Kulturkreises, kann es sehr schnell zu kostspieligen Fehlentscheidungen kommen.

Die Länder Osteuropas haben für Industrieunternehmen aus dem Westen als Option für eine Verlagerung lohnintensiver Fertigungsprozesse seit jeher einen hohen Stellenwert. Und dies zu Recht. Gegenüber anderen kostengünstigen Standorten kann Osteuropa gleich mit einer ganzen Reihe von Vorzügen punkten:

  • Die Fertigungskosten liegen trotz stetig gestiegener Löhne noch immer deutlich unter dem Niveau westlicher Standorte. Eine Fertigungsstunde in Rumänien kostet zurzeit etwa sechs Euro und in Polen rund neun Euro. Hierzulande sind im Durchschnitt rund 35 Euro fällig. Dennoch sollte man eine Entscheidung zur Verlagerung nicht allein an diesen offenkundigen Kostenunterschieden ausrichten. Kosten und Nutzen müssen vielmehr akribisch analysiert, abgewogen und jeweils in den Kontext des gesamten unternehmensspezifischen Produktions-Footprints gestellt werden.
  • Gesetzgebung und Rechtssicherheit haben sich in den meisten Ländern weitgehend stabilisiert. Unternehmen aus dem Westen können sich mittlerweile darauf verlassen, dass „die Welt nicht zusammenbricht“, auch wenn Regierungen wechseln. Die meisten Länder verfügen mittlerweile über klare Strukturen und eine pro-europäische Ausrichtung.
  • Auch in der Infrastruktur hat sich in vielen Ländern einiges zum Besseren gewendet. Die meisten Regionen sind mittlerweile verkehrstechnisch gut erreichbar. Termine vor Ort lassen sich vom Westen aus innerhalb eines Tages absolvieren. Betriebswirtschaftlich bedeutet die verbesserte Verkehrsanbindung, dass sich Lieferzeiten verkürzen und Logistikkosten reduzieren lassen.
  • In den meisten Ländern gibt es noch genügend Freiflächen für neue Produktionsstätten, die entweder bereits erschlossen sind oder die in enger – durchaus zuvorkommender – Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden schnell erschlossen werden können. Auch die Infrastruktur zur Werksversorgung mit Energie, Gas, Wasser etc. bekommt von Industrieunternehmen aus dem Westen meist gute Noten. Dies betrifft sowohl die Verfügbarkeit der Ressourcen als auch deren Kosten.
  • Auch in der Qualität der Ausbildung und der Qualifikation der Arbeitskräfte konnten fast überall in Osteuropa weitere Fortschritte erzielt werden. Vor allem Fachkräfte sind oft – auch sprachlich – sehr gut ausgebildet. Hoch qualifizierte Fachkräfte sind allerdings heiß umworben und in manchen Regionen bereits zu einer echten „Engpass-Ressource“ geworden.
  • Die Menschen streben nach westlichem Wohlstand und sind bereit, sich dafür auch „richtig ins Zeug“ zu legen. Natürlich müssen dazu auch insgesamt die Rahmenbedingungen im jeweiligen Unternehmen passen.
  • In Polen, Ungarn und Tschechien, die bereits seit 2004 der Europäischen Union angehören, treffen wir bereits auf Leistungsstandards und -niveaus, wie wir sie in Deutschland gewohnt sind. In diesen Ländern ist auch eine qualitativ hochwertige Fertigung möglich.

Ein weiterer Vorteil kommt noch hinzu: Osteuropa bietet inzwischen auch als Absatzmarkt großes Potenzial. Wenn aber die potenziellen Kunden nicht mehr nur in Westeuropa sitzen, rentieren sich die höheren Produktionskosten hierzulande erst recht nicht. Dann sprechen auch absatzstrategische Argumente dafür, einen Teil der Produktion näher an die sich stark ausweitenden Märkte im Osten Europas heranzubringen. Je mehr produzierende Unternehmen also mit den gängigen Optimierungsansätzen und -prozessen im angestammten Footprint an Grenzen stoßen, desto relevanter wird eine Verlagerung bestimmter Fertigungsprozesse in die Nähe attraktiver Zukunftsmärkte. Und dazu gehört zweifelsohne Osteuropa. Was im Westen nämlich gerne übersehen wird: Die meisten Länder Mittel- und Osteuropas (MOE) durchleben seit einiger Zeit einen regelrechten wirtschaftlichen Höhenflug.

 

Den Schritt nach Osten nicht ohne Unterstützung wagen

Natürlich scheint in den Ländern Mittel- und Osteuropas nicht überall die Sonne gleich hell, und es ist dort auch noch längst nicht alles „im Lot“. Spielt in den Überlegungen zu möglichen Kosteneinsparungen daher das Thema „Verlagerung“ prinzipiell eine Rolle, raten wir dringend dazu, in den Prozess der Entscheidungsfindung externe Spezialisten einzubinden. Denn: Jedes MOE-Land hat seine spezifischen Vor- und Nachteile und unterscheidet sich in seinem Entwicklungsstand zum Teil deutlich von dem seiner Nachbarn. Sogar innerhalb eines Landes können die Rahmenbedingungen für verlagerungswillige Industrieunternehmen aus dem Westen stark voneinander differieren.

Erfahrene Praktiker, die die spezifischen Rahmenbedingungen und Standortvorzüge der infrage kommenden Regionen kennen und die genau wissen, was „vor Ort“ sonst noch gefragt ist und welche lokalen Besonderheiten zusätzlich zu berücksichtigen sind, können eine wertvolle Hilfe sein – vielleicht sind sie sogar das „Zünglein an der Waage“, wenn es auf die Themen „Geschwindigkeit“ der Verlagerung und „Risikominimierung“ ankommt.

Ob sich ein Land oder eine bestimmte Region in Osteuropa für eine Verlagerung eignet, hängt neben den niedrigen Arbeitskosten und der Nähe zu potenziellen Kunden nämlich von zahlreichen weiteren Faktoren ab. Diese lassen sich allerdings nur aus nächster Nähe betrachtet zutreffend bewerten. Unternehmen mittelständischer Prägung verfügen in aller Regel weder über die erforderlichen personellen Kapazitäten und Erfahrungen, noch über die Expertise und das Faktenwissen im Hinblick auf länderspezifische Rahmenbedingungen und kulturelle Besonderheiten, um eine so weitreichende Entscheidung wie eine Verlagerung mit der gebotenen Professionalität treffen zu können.

Wer den Weg nach Osteuropa antritt, ohne mit den Besonderheiten in diesem speziellen Kulturkreis hinreichend vertraut zu sein, geht nach unseren Erfahrungen ein hohes Risiko ein, teures Lehrgeld zu bezahlen und bei der Umsetzung zeitlich und kostenmäßig „aus dem Ruder“ zu laufen. Denn: Trotz aller Verbesserungen in den vergangenen Jahren ticken die Uhren in den meisten Ländern noch immer anders, als wir dies hier im Westen gewohnt sind.

Die TMG ist schon seit über 20 Jahren in Osteuropa mit einer eigenen Repräsentanz „vor Ort“ aktiv. Das Leistungs- und Beratungsspektrum reicht von der grundlegenden Wahl eines passenden Produktionsstandortes über die Generalplanung von neuen Fabriken und Werken, die Erweiterung bestehender Standorte und die Realisierung von Infrastrukturmaßnahmen bis hin zum Projektmanagement bei Verlagerungen, dem Anlaufmanagement und der Produktionsoptimierung im laufenden Betrieb. In unserer langjährigen Beratungspraxis haben wir bereits mehrere Unternehmen aus Deutschland bei Verlagerungen nach Osteuropa unterstützt und in einigen Fällen auch beim Aufbau neuer Fertigungsstätten oder deren Erweiterung beraten und begleitet.

 

Nicht allein wegen der niedrigeren Arbeitskosten verlagern

Der Druck auf die Kosten ist bei fast allen produzierenden Unternehmen akut. Unternehmen, die sich als Folge der jetzigen wirtschaftlich schwierigen Lage mit dem Gedanken tragen, einen Teil ihrer Produktion nach Osteuropa zu verlagern, sollten dennoch nicht überstürzt handeln, sondern ihre Entscheidung strategisch fundieren. Wichtig ist zunächst, selbstkritisch zu prüfen, für welche Prozesse es sich mit Blick auf die aktuelle Produktionsstrategie und die bestehende Standortstruktur überhaupt lohnt, eine Verlagerung und entsprechende Anpassung des Produktionsnetzes anzugehen. Die in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas noch immer deutlich niedrigeren Arbeitskosten für gering Qualifizierte sind eben nur dann von Vorteil, wenn das Fertigungsverfahren den Einsatz dieser Arbeitskräfte in hohem Maße bedingt. Ob sich eine bestimmte Region in Osteuropa als zusätzliche Produktionsoption eignet, hängt zudem von der tatsächlichen Verfügbarkeit entsprechender Qualifikationen „vor Ort“ ab.

Eine Verlagerung ist also wesentlich komplexer als sie zunächst erscheinen mag. Eine systematische und professionell durchgezogene Vorgehensweise halten wir angesichts der Vielzahl potenziell relevanter Einflussfaktoren für unabdingbar, um ein solches Projekt erfolgreich und mit der gebotenen Geschwindigkeit ins Ziel zu bringen. Wichtig ist zum Beispiel wie bei allen Footprint-Projekten, dass die neue Produktions-Alternative auch dem „Operations-Footprint-Dilemma“ Rechnung trägt.

 

Abbildung 1:
Das Optimierungsdilemma bei der Gestaltung von Produktionsnetzen

Die aktuellen Kunden dürfen ja nicht schlechter gestellt werden, wenn nun weiter entfernt produziert wird. Der bisherige Servicegrad muss gewährleistet bleiben. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass der Vorteil niedrigerer Arbeitskosten nicht durch wesentlich höhere Transport- und Logistikkosten in sein Gegenteil verkehrt oder durch Nichtbeachten der „Critical Minimum Size“ in der Produktion unterlaufen wird.

Dringend anzuraten ist ferner, von vornherein Überlegungen anzustellen, was nach einer Verlagerung mit den verbleibenden Mitarbeitern am bisherigen Standort passiert bzw. wo und wie die nun wieder frei verfügbaren Arbeitskräfte sinnvoll für weiteres Wachstum oder andere Aufgaben genutzt werden können. Den verbleibenden Mitarbeitern muss Sicherheit gegeben werden – auch, damit sie die Entscheidung mittragen und motiviert bleiben. Schließlich sollen sie im Prozess der Verlagerung ihr Wissen ja weitergeben. Ohne die Unterstützung des abgebenden Werkes wird eine Verlagerung scheitern. Die Unterstützung der Stammmannschaft ist auch deshalb so wichtig, weil es andernfalls kaum gelingen kann, Auslauf und Anlauf sauber miteinander zu kombinieren. Damit es nicht zu einem Bruch kommt, müssen Auslauf- und Anlaufkurve perfekt aufeinander abgestimmt sein. Dies setzt unter anderem ein straffes Management des Verlagerungsprozesses voraus.

Unternehmen, die aktuell über die Sinnhaftigkeit einer Verlagerung bestimmter Prozesse nach Osteuropa nachdenken, sollten drei weitere Aspekte unbedingt im Auge behalten:

  • Durch die anhaltend positive wirtschaftliche Entwicklung und den entsprechend gestiegenen Lebensstandard wird die Region – wie bereits erwähnt – auch als Absatzmarkt immer attraktiver. Und die Tendenz geht weiter nach oben. Es kann sich – unabhängig von den positiven Effekten auf die Kostensituation – also auch aus rein absatzstrategischen Überlegungen lohnen, sich von jetzt an stärker im Osten Europas zu engagieren.
  • Die Abhängigkeit von Kunden und OEMs, die in MOE schon mit eigenen Produktionen präsent sind und den Aufbau weiterer Werke planen, wird weiter zunehmen. Damit steigt auch der Kostendruck, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben.
  • Auch in Osteuropa kann man mittlerweile die Infrastruktur für neue Produktionen komplett auf dem neuesten Stand der Technologie aufbauen. Niemand braucht hierzulande mehr zu befürchten, zu wenig Einblick in die räumlich entfernten Produktionsprozesse zu bekommen. Die fortgeschrittene Digitalisierung und der ständige Informationsaustausch erleichtern es ungemein, die Kontrolle über das gesamte Projektionsnetz zu behalten.

Als weiterer Vorteil sei an dieser Stelle noch angemerkt, dass in vielen Standorten in neueste Technologie investiert werden kann, ohne auf irgendwelche Altlasten Rücksicht nehmen zu müssen. Wir kennen genügend Unternehmen, die ihre Produktionsstätten in Osteuropa auch wegen dieses Aspektes als eine echte Bereicherung in ihrem Produktionsverbund ansehen. Der eine oder andere unserer Kunden war völlig überrascht, wie weit fortgeschritten in manchen MOE-Regionen die Technologie-Ausstattung und das Know-how vieler Fachkräfte bereits sind.

 

Abbildung 2:
Die wichtigsten Motive für ein Osteuropa-Engagement

Ist die grundsätzliche Entscheidung zu einem Engagement in MOE gefallen, darf es kein Zögern mehr geben. Dann muss zügig umgesetzt werden. Und dabei kann externe Unterstützung den entscheidenden Vorteil bringen. Ob sich eine Verlagerung bestimmter Produkte oder Produktionsprozesse nach Osteuropa für ein Unternehmen lohnt oder nicht, können wir im Normalfall innerhalb von drei bis vier Wochen eruieren. In komplizierten Fällen kann es auch einmal zwei Monate dauern. Aber dann sind wir auf jeden Fall in der Lage, den Verantwortlichen in den Unternehmen ein Analyseergebnis und eine Informationsgrundlage zu liefern, auf der sie die für sich richtige Entscheidung treffen können.

Die richtige Antwort auf die Frage zu finden, welche MOE-Region aus heutiger Sicht für das eigene Unternehmen die besten Möglichkeiten und Zukunftsperspektiven für eine Verlagerung bietet, ist alles andere als trivial. Mit unserem Netzwerk und einem eigenen Team erfahrener Berater und Osteuropa-Kenner „vor Ort“ sind wir bestens gerüstet, um Unternehmen bei dieser herausfordernden Aufgabe schnell und zielführend zu unterstützen.

TMG INSIGHTS 08: "Antriebskonzepte der Zukunft"

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