Vier Jahrzehnte industrielle Transformation im Schnelldurchlauf: Als die Stuttgarter Beratung TMG Consultants im Jahr 1986 ihre Arbeit aufnahm, befand sich die moderne Supply-Chain-Logistik noch in einer frühen Entwicklungsphase: PCs wurden mit Boot-Disketten gestartet, Nadeldrucker ratterten. Heute, im Jahr 2026, feiert das Unternehmen sein 40-jähriges Bestehen in einer Welt, die von Künstlicher Intelligenz, autonomen Systemen und globalen Resilienzfragen gesteuert wird. Mit diesem Artikel laden wir Sie auf eine Zeitreise ein. Diese beleuchtet allerdings keine klassische Unternehmenshistorie, sondern den tiefgreifenden Wandel der Automatisierung – von der rein technologischen Effizienzsteigerung an der einzelnen Maschine hin zur hochkomplexen, strategischen Transformationsaufgabe.
Wer die Zukunft der industriellen Logistik verstehen will, muss einen Blick in ihre Vergangenheit werfen. Die vergangenen vier Jahrzehnte waren für die Industrie von einer Dynamik geprägt, die keine Epoche der Wirtschaftsgeschichte zuvor erlebt hat. Es ist der Weg, der von klobigen Schaltschränken und isolierten Insellösungen geradewegs in eine vernetzte, cloudbasierte Datenökonomie führt. Die Stuttgarter Unternehmensberatung TMG Consultants hat ihr 40-jähriges Jubiläum zum Anlass genommen, um auf eine zeithistorische Reise durch die letzten vier Dekaden der Automatisierung zu starten. Vier Jahrzehnte, in denen sich die Anforderungen an Unternehmen, Technologie und Beratung von Grund auf verändert und neu erfunden haben.
Die 1980er Jahre
Das Jahrzehnt der Mechanisierung und der grünen Monitore
Die 1980er Jahre stehen im Zeichen des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs. Während der Kalte Krieg seinem Ende entgegengeht, erlebt die Industrie einen massiven Modernisierungsschub. In Westdeutschland etabliert sich nach US-amerikanischem Vorbild die „industrielle Logistik“ außerhalb des reinen Militärkontexts. Computer halten Einzug in Wirtschaft und Verwaltung. Auf den Schreibtischen thronen die ersten Olivetti M24 Business-Rechner mit grün-schwarzen Röhrenbildschirmen. Wer sie starten will, muss erst eine Boot-Diskette einschieben. Das Wahlscheibentelefon wird von modernen Tastentelefonen abgelöst und „Mobiltelefone“ wiegen noch über 2 Kilogramm.
Es ist die Epoche, in der die Automobilindustrie den Takt vorgibt. Sie definiert die technologischen Standards für alle anderen Branchen und ist die erste Branche, die die Logistik organisatorisch in Vorstandsressorts „Produktion und Logistik“ verankert. In diese Ära des rasanten Aufbruchs fällt 1986 die Gründung von TMG Consultants.
In den Werkshallen der 80er Jahre ist Automatisierung in erster Linie noch ein Hardware- und Rationalisierungsprojekt. Die Speicherprogrammierbare Steuerung (SPS) revolutioniert die Maschinenwelt. Erste orangefarbene und grüne Industrieroboter halten Einzug in die Serienfertigung der Automobilwerke, um monotone und schwere Handgriffe zu übernehmen. Gleichzeitig nimmt der unternehmerische Druck zu: Steigende Kosten und der Ruf nach Produktqualität zwingen die Betriebe zu einer mehr Effizienz und Prozessoptimierung.
Gegen Ende des Jahrzehnts gewinnen Just-in-Time-Konzepte (JIT) und Lean-Production-Ansätze zunehmend an Bedeutung. Sie bereiteten den Boden für den radikalen Wandel der kommenden Jahre. Der Name José Ignacio López de Arriortúa ist berühmt-berüchtigt, als er zuerst bei Opel und später bei Volkswagen, mit einer aggressiven Kosten- und Lieferantenpolitik die gesamte Branche umwälzt.
Der Fokus der betrieblichen Optimierung liegt auf der einzelnen Maschine und der Produktionszelle. Noch geht es um die Berechnung von Wirtschaftlichkeit, den Return on Investment (ROI) von Anlagen und die technische Implementierung der Steuerungstechnik. Nur wenige erkennen, dass die rasante Entwicklung der Speichermedien, das aufkommende Internet und die Computerisierung Wettbewerbsvorteile bergen und den Weg für die Innovatoren bereiten.
„In den 1980er Jahren war die Welt der Automatisierung noch greifbar, fast schon mechanisch. Wenn wir damals Fabriken optimierten, ging es primär um die Erhöhung des Maschinendurchsatzes und die Frage, ob sich eine neue SPS-Steuerung in zwei oder drei Jahren amortisiert. Es war eine Ära der technischen Spezialisierung, in der die Hardware im Mittelpunkt stand. Aber schon damals zeichnete sich ab: Wer die Logistik nicht von Anfang an mitdenkt, verliert den Anschluss auf der Überholspur der Effizienz“, blickt Darya van de Sandt-Nassehi, Geschäftsführender Gesellschafter von TMG Consultants, auf diese Zeit zurück.
Mit dem Mauerfall von 1989 gehen die 80er Jahre weltgeschichtlich zu Ende. Dieses Ereignis zeichnet die geopolitische und wirtschaftliche Landkarte Europas über Nacht neu – und läutet eine Ära der Globalisierung ein, deren Dimension alles bisher Dagewesene übertreffen sollte.
Zum 40-jährigen Bestehen blickt TMG Consultants zurück – auf die Geschichte der industriellen Automatisierung, aber auch auf die Herausforderungen der Unternehmensberatung.
Die 1990er Jahre:
Das Jahrzehnt der Computerisierung und des Simulationsbooms
Die 1990er Jahre starten mit der deutschen Wiedervereinigung und einer Phase wirtschaftlicher Neuorientierung. Wissenschaftler streiten in den frühen 90ern intensiv darüber, ob Logistik als eigenständige Disziplin an Universitäten gelehrt werden sollte – die Branche befindet sich in der akademischen Selbstfindung. Und wieder ist es die Technologie, die zur Mitte des Jahrzehnts alles verändert: Das Internet wird populär und Modems stellen krachend und piepsend die Verbindung her. „Sie haben Post“, erinnern uns AOL-Postfächer und kofferähnliche Mobiltelefone mit Tragegurt schrumpfen bis zum Ende des Jahrzehnts zu winzigen Statussymbolen. Plattformen wie Amazon und eBay betreten die Bühne und schicken sich bis zur Jahrtausendwende an, den weltweiten Handel und die Logistik grundlegend auf den Kopf zu stellen.
Die 90er Jahre sind das Jahrzehnt der Computerisierung von Büros, Produktion und Logistik. Der Barcode verbreitet sich flächendeckend in Industrie und Handel und schafft erstmals Transparenz in den Lagerbeständen. Computergestützte Kommissioniersysteme halten Einzug in den Lagern und Fahrerlose Transportsysteme (FTS) in den Fabriken.
Die Jahre ab 1990 sind zudem das große Jahrzehnt der Unternehmenssoftware und der weltweiten Erfolgsgeschichte der Tech-Konzerne. SAP gelingt mit R/3 der Sprung von Großrechnern hin zur flexiblen Client-Server-Unternehmenssoftware. Microsoft revolutioniert mit MS-Office, Excel, Word und Co. das Büro: Für jede nur denkbare Anwendung schießt eine passende Software mit drei Buchstaben aus dem Boden: Dokumentenmanagementsystemen (DMS), ERP, CRM, EDI. Nicht zu vergessen: Simulation wird zum wichtigsten Werkzeug und zum Geburtshelfer des digitalen Zwillings.
Konzepte wie Lean Management, taktorientierte Fertigung und Just-in-Sequence (JIS) werden außerhalb Japans zum absoluten Mainstream. Automatisierung wird plötzlich als Teil eines prozessualen Gesamtsystems verstanden. Die reine Maschinenleistung allein ist nicht mehr entscheidend, die neuen ERP-Systeme müssen die Produktionsplanung und die Abstimmung zwischen Lieferanten und Werken synchronisieren. Die Wissenschaft propagiert die ganzheitliche Betrachtung der Supply Chain.
Darya van de Sandt-Nassehi analysiert diesen Paradigmenwechsel: „Die 1990er Jahre waren eine echte digitale Revolution, vergleichbar mit dem heutigen KI-Boom. Der Einzug des Computers und der Identifikationstechnologien wie dem Barcode öffnete Türen in völlig neue Welten. Plötzlich ging es in der Beratung nicht mehr nur um Mechanik, sondern um Daten und die Reorganisation kompletter Wertströme. Wer diesen rasanten Wechsel vom Papier zum Bildschirm damals verpasste, war schlichtweg weg vom Fenster“, erinnert er sich.
Das Jahrzehnt endet mit einer weltweiten Nervosität: Die Angst vor dem „Millennium-Bug“ an Silvester 2000, dem befürchteten globalen Zusammenbruch aller Softwaresysteme beim Datumswechsel, wirft lange Schatten voraus.
Die 2000er Jahre
Das Jahrzehnt des Supply-Chain-Managements und der Standardisierung
Der Computer-Crash bleibt aus, dafür beginnt das neue Jahrzehnt mit einem wirtschaftlichen Paukenschlag: Die Dotcom-Blase platzt und bremst den ungestümen Internet-Optimismus der späten 90er-Jahre jäh aus. Kurz darauf folgt die Einführung des Euros als neue Gemeinschaftswährung. Es ist eine Epoche der extremen Globalisierung: Unternehmen verlagern ihre Produktionsstätten im großen Stil in Niedriglohnländer. Die weltweite Vernetzung nimmt rasant zu und zwingt die Wirtschaft zur Standardisierung. Das Jahrzehnt findet seinen dramatischen wirtschaftlichen Tiefpunkt im Herbst 2008 mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, die die gesamte Weltwirtschaft in eine schwere Rezession stürzt.
In den Fabriken wird Automatisierung zur wichtigsten Aufgabe. Sie fungiert nun als die wesentliche Schnittstelle zwischen der physischen Produktion, der IT-Infrastruktur und dem übergeordneten Management. Echtzeitdaten, hochentwickelte ERP-Systeme und lückenlose Rückverfolgbarkeit entlang der gesamten Kette werden von Kundenseite standardmäßig gefordert. Der Begriff „Supply-Chain-Management“ (SCM) setzt sich flächendeckend durch und löst die interne Werkslogistik ab. Es geht nicht mehr nur um die Optimierung des eigenen Standorts, sondern um die ganzheitliche Steuerung über weltweite Standorte und Zuliefernetzwerke hinweg. Dazu steht die Standardisierung von Prozessen ganz oben auf der Agenda.
Obwohl sich Technologie und Speicherkapazität rasant weiterentwickeln und unerwartete Chancen bieten, passiert in schon den späten 90ern etwas Unerwartetes: Technik ist out, was zählt ist Managementkompetenz. Der Beratungsschwerpunkt verschiebt sich radikal weg von der reinen Technikkompetenz hin zur Organisationsentwicklung, dem Change Management und der strategischen IT-Auswahl. „In den 2000er Jahren mussten wir feststellen, dass Hardware keine Prozessprobleme lösen kann. Ein schlecht strukturierter Prozess wird durch ein ERP-System oder eine automatisierte Fördertechnik nur zu einem schlechten automatisierten Prozess. Die Kunst bestand fortan darin, die neue Komplexität der globalen Lieferketten organisatorisch und softwareseitig zu beherrschen“, stellt Darya van de Sandt-Nassehi fest. In der Beratung zählt dies mehr denn je.
Das Jahrzehnt endet im Krisenmodus der Rezession und im Hintergrund formiert sich bereits die nächste technologische Innovation, die wieder einmal alles verändern sollte.
Die 2010er Jahre
Das Jahrzehnt von Industrie 4.0 und der mobilen Ökosysteme
Die 2010er Jahre stehen im Zeichen des Smartphones und einer Erkenntnis: „Keine App, kein Geschäft“. Apps revolutionieren das Konsumverhalten und die Geschäftswelt gleichermaßen. Geschäftsmodelle ohne mobile App sind kaum noch denkbar – mit völlig veränderten Anforderungen an die vor- und nachgelagerten Logistikprozesse.
Die Logistikforschung nimmt weiter Fahrt auf und trägt dazu bei, dass die Disziplin in der Industrie endgültig als geschäftskritischer Kernbereich ernst genommen. Auf politischer und industrieller Ebene wird 2011 auf der Hannover Messe der Begriff „Industrie 4.0“ öffentlich vorgestellt, der einen weltweiten Hype um die digitalisierte Fabrik auslöst.
Das Internet der Dinge (IoT) beherrscht die Schlagzeilen. Maschinen werden mit Sensorik nachgerüstet, um über vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) Stillstandzeiten zu minimieren. Kollaborative Roboter (Cobots) arbeiten Hand in Hand mit dem Menschen. In den Unternehmen fordern starre Lagertechnologien im dynamischen E-Commerce-Umfeld heraus und flexible Shuttlesysteme lösen tonnenschwere Regalbediengeräte ab. Gleichzeitig schafft die Nutzung von Schwarmintelligenz bei Transportfahrzeugen den Sprung aus der Forschung in erste reale Praxisanwendungen. Automatisierung verschmilzt in diesem Jahrzehnt untrennbar mit den Digitalisierungsstrategien der Unternehmen. Die Prioritäten verschieben sich von der Effizienz hin zu Flexibilität und der wirtschaftlichen Machbarkeit von kundenindividueller Fertigung.
Die Anforderungen an die Beratung verlagern sich von isolierten Maschinenprojekten zu ganzheitlichen Transformationsprozessen. Reifegradanalysen und die Entwicklung detaillierter Datenstrategien sind der Schlüssel zur Schaffung von Wettbewerbsvorteilen. „Mit der Industrie 4.0 wanderte der Fokus weg von der reinen Mechanik hin zur Datenökonomie“, kommentiert Darya van de Sandt-Nassehi diese Ära. „Plötzlich galt das Credo: Daten sammeln reicht nicht mehr, man muss etwas Relevantes aus ihnen machen. Daten zu speichern, kostet nur Geld, aber sie intelligent auszuwerten und in datenbasierte Optimierungen einfließen zu lassen, bringt Geld“, fährt er fort.
Das Jahrzehnt endet mit ersten Meldungen über ein neuartiges Virus in China. Nur drei Monate später befindet sich die Welt im ersten globalen Lockdown.
Die 2020er Jahre
Das Jahrzehnt der Resilienz, der KI und der Autonomisierung
Die Coronapandemie verändert ab 2020 die Welt und das Wirtschaftsgefüge. Monatelange Lockdowns, geopolitische Verwerfungen und nie dagewesene Lieferkettenkrisen fallen zusammen mit Klimakrise und extremen Energieeffizienzanforderungen, sich verändernde Arbeitswelten lösen einen Fachkräftemangel aus und zwingen die Industrie erneut zum Umdenken. Resilienz, autarke Beschaffungsstrategien und Skalierbarkeit verdrängen den reinen Kostensenkungsfokus der vergangenen Jahrzehnte. Gleichzeitig zündet mit dem Durchbruch moderner Künstlicher Intelligenz (KI) und ersten praxisreifen humanoiden Robotern die nächste Stufe der digitalen Revolution. Bereits heute ist absehbar, dass sie in ihrer Tragweite alle industriellen Revolutionen zuvor übertreffen wird.
Wer nicht automatisiert, verliert. Das Sprichwort hat sich längst bewahrheitet. Automatisierte Lageranlagen, hochentwickelte Shuttlesysteme und autonome mobile Roboter arbeiten vernetzt und KI-basiert zusammen. Automatisierung wird zunehmend durch die „Autonomisierung“ abgelöst werden und ist als strategischer Erfolgsfaktor fest auf der C-Level-Ebene des Top-Managements verankert.
Der Fokus der Beratung liegt bereits auf einer kontinuierlichen Innovationsstrategie und der langfristigen Investitionsabsicherung in hochgradig unsicheren, volatilen Märkten. Strategische Standortentscheidungen, das Design resilienter Lieferketten, komplexe Make-or-Buy-Entscheidungen sowie die tiefe Integration von ESG- und Nachhaltigkeitsanforderungen bestimmen die tägliche Praxis der End-to-End-Transformation.
„Die moderne Automatisierung ist längst kein reines Effizienzprojekt mehr, sondern ein strategisches Gestaltungsinstrument für Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit. Unternehmen automatisieren heute keine isolierten Einzelprozesse mehr, sondern machen Wertschöpfungssysteme intelligent“, fasst Darya van de Sandt-Nassehi die aktuelle Ära zusammen. „Dabei erleben wir auch eine ehrliche Debatte über den Arbeitsmarkt: Die Technologie ergänzt den Menschen nicht mehr nur, sie muss und wird ihn angesichts des Fachkräftemangels in vielen Bereichen gezielt ersetzen“, fährt er fort.
Trotz aller Komplexität von KI und Software gilt in der Beratung seit nunmehr 40 Jahren unverändert ein Prinzip: Es zählt einzig und allein das, was Unternehmen besser, wettbewerbsfähiger und erfolgreicher macht.

