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SUPPLY CHAIN 4.0 EFFIZIENZ UND KUNDENNUTZEN VERBESSERN

SUPPLY CHAIN 4.0 EFFIZIENZ UND KUNDENNUTZEN VERBESSERN

DEM SUPPLY-CHAIN-MANAGEMENT KOMMT IN DER VERNETZTEN INDUSTRIE-4.0-WELT EINE SCHLÜSSELROLLE ZU von Wojciech Bolesta und Benjamin Hölzle, TMG CONSULTANTS

„Industrie 4.0“ ist auch für Supply-Chain- und Logistik-Verantwortliche ein Megathema. Immer deutlicher zeichnet sich ab, wie sehr das Supply-Chain-Management (SCM) und die Logistik von der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung beeinflusst werden und welche Bedeutung ihnen gleichzeitig aber auch als Wegbereiter und unverzichtbare Bausteine von Industrie-4.0-Lösungen zukommt. SCM & Logistik 4.0 ist geprägt durch Transparenz, Vernetzung und automatisierte Prozesse. Unternehmen der produzierenden Industrie sind nach TMG-Einschätzung in ihrem Supply-Chain-Management beim Thema 4.0 auf vier zentralen Handlungsfeldern gefordert. Der Handlungsrahmen erstreckt sich dabei von der übergeordneten Betrachtungsperspektive der gesamten Supply Chain bis hin ins Detail automatisierter Lager- und Intralogistikprozesse.

Der Wettlauf um die Kunden und Märkte von morgen wird digital und vernetzt entschieden. Daran besteht kein Zweifel. Die immer weiter um sich greifende Digitalisierung und Vernetzung in Wirtschaft und Gesellschaft versetzt Unternehmen in nahezu allen Branchen in die Lage, ihre Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit deutlich und nachhaltig zu verbessern. In der produzierenden Industrie versprechen sich die Verantwortlichen von der „schönen neuen Industrie-4.0-Welt“ einen regelrechten Schub für ihre Produktion: Für etliche der neuen Herausforderungen, mit denen sie sich konfrontiert sehen, liefert Industrie 4.0 die Lösung:

  • Veränderte Marktanforderungen auf der Konsumentenseite: Die Kunden werden noch anspruchsvoller, ihre Wünsche immer spezieller. Produkte sollen individuell sein, immer häufiger auch intelligent und vernetzbar. Tagesaktuelle Lieferungen und speziell auf den Kunden zugeschnittene Zusatz-Services werden in manchen B2C-Bereichen bereits heute vorausgesetzt. Der Trend für das B2B-Geschäft ist vorgezeichnet.
  • Verschärfte Wettbewerbssituation: Immer neue Wettbewerber drängen auf den Markt. Nicht selten sind dies „Start-ups“ oder branchenfremde Unternehmen, die mit innovativen Geschäftsmodellen die Spielregeln in den angestammten Marktsegmenten spürbar verändern. Gleichzeitig steigt der Kostendruck – vor allem durch Wettbewerber aus den Low Cost Countries. Dadurch wird der ohnehin bereits vorhandene enorme Innovationsdruck in den Hochlohnländern nochmals verstärkt.
  • Gesellschaftlicher Wandel: Wir befinden uns mitten in einem demografischen Wandel. Das Thema Ökologie erhält branchenübergreifend eine immer höhere Akzeptanz, und in den Unternehmen fordern die Arbeitnehmer immer öfter für ihr Tun und Handeln ein höheres Maß an Selbstbestimmung ein. Teilweise von zuhause aus zu arbeiten, stellt für viele eine sinnvolle Option dar. Moderne Kommunikationstechnik wird dabei zum Bindeglied zwischen betrieblichem Arbeitsplatz und dem „Home Office“.
  • Nutzung neuer Technologien: Weiterentwicklungen in den Informations- und Kommunikationstechnologien erlauben eine weit über die Unternehmensgrenzen hinausreichende Vernetzung. Gigantische Datenmengen analysieren und die richtigen Schlussfolgerungen daraus ziehen zu können, erhält zunehmend den Charakter einer erfolgskritischen Fähigkeit. Die intelligente Automatisierung hält in immer mehr Bereiche des Produktionsalltags Einzug.

Wenn aber Industrie 4.0 für etliche Herausforderungen, vor denen produzierende Unternehmen stehen, aus heutiger Sicht vielversprechende Lösungsansätze bereithält, dann hat auch das Supply-Chain-Management (SCM) und die Logistik diesem industriellen Megathema ein entsprechend hohes Augenmerk zu schenken.

Vier zentrale Handlungsfelder

Logistik und SCM kommt in der vernetzten, hochgradig flexiblen Industrie-4.0-Welt eine wichtige Schlüsselrolle zu. Beide sind unverzichtbare Bestandteile und zugleich Enabler und Nutznießer der sich immer weiter ausbreitenden Digitalisierung und Vernetzung. Logistik- und SCM-Verantwortliche sind daher gefordert, die richtigen Antworten auf zwei zentrale Fragestellungen zu finden:

  • Wie müssen die Logistik und das SCM gestaltet werden, um Industrie 4.0 zu ermöglichen?
  • Wie kann durch den Einsatz von Industrie-4.0-Lösungen die Performance in der Supply Chain gesteigert werden?

 

Abbildung 1:
SCM- & Logistik-Handlungsfelder
im Kontext Industrie 4.0

Aus TMG-Sicht sind Unternehmen der produzierenden Industrie in ihrem Supply-Chain-Management beim Thema 4.0 auf vier zentralen Handlungsfeldern gefordert. Der Handlungsrahmen erstreckt sich dabei von der übergeordneten Betrachtungsperspektive der gesamten Supply Chain bis hin ins Detail automatisierter Lager- und Intralogistikprozesse.

Cloud-basiertes Supply-Chain-Management

Beim Supply-Chain-Management besteht ein zunehmender Trend, die SCM-Aktivitäten und -Daten in die Cloud zu verlagern. Cloud-Lösungen gewinnen durch den sich verstärkenden Trend zur Kollaboration offenbar mehr und mehr an Attraktivität. Einer aktuellen Studie zufolge goutieren produzierende Unternehmen vor allem die mit Cloud-Lösungen verbundenen Vorteile im Hinblick auf die Themen „Einfache Integration von Partnern“, „Standortunabhängiger Datenzugriff“, „Schnelle Einsetzbarkeit“ und „Erhöhung der Flexibilität“. 1

1 - Studie: „Nutzen von Cloud Computing für die Logistik“, Institut für Cloud Computing, Juli 2012

Heute treffen wir im SCM zumeist noch immer auf eine „zersplitterte“ IT-Landschaft. Für jeden Prozess gibt es ein eigenes System: Ein ERP-System für die Auftragsabwicklung/Auftragssteuerung, eine spezielle Software für die Transportplanung, eine Warehouse-Management-Lösung zur Steuerung der innerbetrieblichen Lagersysteme, und noch eine andere Speziallösung für Auslieferung und Rechnungsstellung, usw. In manchen Unternehmen wären sogar nicht integrierte Einzellösungen schon ein gewaltiger Fortschritt: wir kennen Unternehmen, bei denen die Lagerverwaltung noch über Excel abgewickelt wird und Bestellungen wie eh und je per E-Mail, Fax oder Telefon erfolgen. Von Transparenz in der Supply Chain kann bei diesen Unternehmen keine Rede sein.

Im Supply-Chain-Management 4.0 arbeiten die Unternehmen demgegenüber mit einem durchgängigen Supply Chain Planning & Execution-System. Alle erforderlichen SCM-Daten sind vollständig integriert, alle Planungs- und Steuerungsfunktionen werden in einer Cloud verknüpft. Cloud-Lösungen sind deshalb so interessant und die erste Wahl, weil sie es den Partnern des Supply-Chain-Netzwerkes relativ einfach machen, Zugriff auf benötigte Daten zu bekommen und sich in das System zu integrieren. Da alle Partner im gleichen System arbeiten, ist auch die so wichtige Transparenz in der Supply Chain gewährleistet.

Durchgängige IT-Systeme sind eine grundlegende Voraussetzung, um in der Logistik schneller, flexibler und kosteneffizienter zu werden. Sie zahlen damit auf essenzielle SCM-Erfolgsfaktoren ein. In der Praxis sehen wir allerdings immer wieder, wie weit die meisten Unternehmen intern noch von einer Durchgängigkeit ihrer Systeme entfernt sind. Hinzu kommt: Um die Möglichkeiten der Digitalisierung von Maschinen und Anlagen und die zusätzliche Flut der daraus resultierenden Daten wirklich nutzbringend anwenden zu können, braucht es neben qualifizierten Big-Data-Analysten auch eine entsprechende IT-Infrastruktur. Mit Plattformen, auf denen spezialisierte Anbieter bereits voll integrierte Lösungen bereitstellen, lassen sich manche Problemstellungen, die heute noch erhebliches Kopfzerbrechen verursachen, elegant umgehen. Welche Daten zwischen den Partnern ausgetauscht werden sollen/müssen/dürfen, wie der Transfer technisch funktioniert, wer der Herr über diese Daten ist, wer welche Daten sehen darf und was Geschäftspartner eben auch nicht sehen dürfen, u.v.m. – all diese Schmerzfragen kochen nicht mehr hoch, wenn es einen neutralen SCM-Dienstleister gibt, der seine Leistungen auf einer standardisierten Plattform anbietet.

Für die meisten diskutierten Industrie-4.0-Lösungen ist eine vollständige Datenintegration und eine einfache Anbindung aller Partner eine entscheidende Grundvoraussetzung. Cloud-Lösungen lassen sich hier für die unterschiedlichsten Aufgaben nutzen und das Supply-Chain-Management zählt schon jetzt zu den größten Nutznießern. Vor diesem Hintergrund wird das Angebot an speziellen Cloud-Lösungen für SCM & Logistik weiter zunehmen. Das lässt sich schon heute beobachten. Aber auch die Rolle des SCM im Unternehmen kann sich dadurch grundlegend ändern: weg von der reinen Bereitstellung des Materials, hin zu einer Schlüsselrolle beim Management von Daten und der Bereitstellung einer entsprechenden Infrastruktur. Auch Logistikdienstleister, die sich bisher sehr stark dem physischen Handling von Waren verschrieben haben, werden vermehrt solche Plattformen anbieten, oft in Kooperation mit spezialisierten IT-Dienstleistern.

Durchgängige Echtzeittransparenz entlang der gesamten Supply Chain

Ein Thema, das eng mit dem Trend zu Cloud-Lösungen zusammenhängt, ist der Wunsch, jederzeit und durchgängig Transparenz über alle Supply-Chain- und Logistik-Prozesse zu haben. Von diesem Ziel sind Unternehmen der produzierenden Industrie heute noch weit entfernt. Gerade bei längeren Transportwegen – wie Überseelieferungen per Schiff – wissen die Verantwortlichen oft nicht, wo genau sich eine bestimmte zu liefernde Ware oder bestellte Bauteile aktuell befinden. Grundvoraussetzung für durchgängige Echtzeittransparenz entlang der gesamten Supply Chain ist der flächendeckende Einsatz von AutoID-Technologien (Automatisierte Identifizierungsverfahren wie Barcode- oder RFID-Technik) und die Bereitstellung der Informationen über zentrale Plattformen. Dadurch wird es möglich, Echtzeitinformationen in einer Form bereitzustellen, die es den Unternehmen ermöglicht, zeitnah in einen laufenden Prozess einzugreifen und flexibel auf Unvorhergesehenes ohne größeren Effizienzverlust zu reagieren. Der Nutzen liegt auf der Hand: Ressourcen können nun optimal genutzt werden, Leerläufe gibt es praktisch nicht mehr. Die Sicherheitsbestände lassen sich herunterfahren, Kosten in substanzieller Höhe einsparen. Und auch der Kunde profitiert: Da die erforderlichen Informationen aller Partner der Supply Chain in die Plattform hineinlaufen und dort zusammengefügt werden, wissen auch die Kunden, wo sich ihre Lieferung gerade befindet, und können sich entsprechend besser darauf einstellen. Fehlen beim Kunden relevante Informationen aus Prozessschritten, die in der Supply Chain vorgelagert sind, kann er seine Produktion nicht mit optimaler Flexibilität steuern.

 

Abbildung 2:
Cloud-basiertes
Supply-Chain-Management

Stand heute hat es zwar bereits erste Praxistests mit Infobroker-Plattformen und entsprechenden Netzwerken gegeben, eine komplett durchgängige Echtzeittransparenz entlang der gesamten Supply Chain ist allerdings noch schwer zu realisieren. Auch technisch gilt es hier noch einige Hürden zu überwinden. Doch für die Zukunft gilt: Was heute das Paket-Tracking für den Privatkunden ist, halten wir morgen auch beim Industriekunden für denkbar.

Flexibler und automatisierter innerbetrieblicher Materialfluss

Das dritte Handlungsfeld von SCM & Logistik 4.0 betrifft den innerbetrieblichen Materialfluss. Ziel ist hier, die Verbindung von Flexibilität und Automatisierung zu realisieren. Möglich wird dies z.B. durch selbständig agierende Transportfahrzeuge (aAGV), die sich flexibel skalieren lassen und die in der Lage sind, auf eine sich ändernde Umgebung eigenständig automatisiert zu reagieren. 2

2 - Der Beitrag „Auf dem Weg zum Zero People Warehouse“ (auf den Seiten 48 bis 55) befasst sich ausführlich mit diesem Thema

Heute stehen die Unternehmen vor dem Dilemma, dass sie ihre Materialbereitstellung zwar sehr flexibel gestalten können – etwa mit Gabelstaplern. Flexible Lösungen dieser Art erfordern andererseits immer eine manuelle Bedienung. Alternativ lässt sich die Materialbereitstellung auch automatisiert lösen – mit Fördertechnik und ähnlichen fest installierten Transportsystemen. Dann aber ist man nicht mehr flexibel. Mit den automatisierten, fahrerlosen, selbständig agierenden Transportfahrzeugen lassen sich die Vorteile von Flexibilität und Automation kombinieren. Grundvoraussetzung für eine effiziente Nutzung dieser Systeme ist eine reibungsfrei funktionierende M2M-Kommunikation. Unerlässlich sind zudem passende IT-Lösungen und auf die neue Technik zugeschnittene Prozesse. Man sollte nicht davon ausgehen, den Gabelstapler einfach durch ein selbständig agierendes automatisiertes Fahrzeug ersetzen zu können, ohne die internen Prozesse anzupassen und für eine adäquate Qualifikation der Mitarbeiter zu sorgen. Das wird nicht funktionieren.

Momentan sind die Kosten für diese neue Technik noch relativ hoch. Allerdings lässt sich eine wachsende Zahl an Lösungen und Anbietern in diesem Bereich beobachten. Interessierte Unternehmen können also mit Skaleneffekten und sinkenden Technikkosten rechnen. Die große Herausforderung für die Unternehmen liegt aus unserer Sicht daher weniger in der Technik selbst, als in der internen Vorbereitung darauf und in der Beantwortung wichtiger Fragen, etwa:

  • Wie sind die Prozesse umzugestalten?
  • Wie sieht das „Back-up“ für den Fall aus, dass die Systeme stehenbleiben?
  • Welche Form der IT-Unterstützung wird benötigt und wie ist diese zu gestalten?
  • Reicht die aktuelle Datenqualität aus, um ein solches System nutzen zu können, oder sind hier erst noch Hausaufgaben zu erledigen?
  • Gibt es überhaupt Mitarbeiter, die über die erforderliche Qualifikation verfügen?

Gerade der letzte Punkt könnte sich in der Praxis noch als besonders erfolgskritisch erweisen: der Gabelstaplerfahrer brauchte als Qualifikationsnachweis einen Staplerführerschein. Im neuen System werden zwar weit weniger Mitarbeiter benötigt. Diese müssen aber über eine weitaus höhere Qualifikation verfügen. Gewünscht wird im Prinzip ein Logistik-Fachmann – möglichst mit Ingenieurs-Hintergrund –, der die Prozesse versteht und der zudem noch ein gewisses IT-Wissen mitbringt. Von Mitarbeitern dieser Qualifikation gibt es nicht sonderlich viele.

Automatisierte Lager- und Intralogistikprozesse

Beim vierten Handlungsfeld, den Lager- und Intralogistikprozessen, gibt es heute schon zahlreiche Automatisierungslösungen. Doch besonders die Kommissionierprozesse, die Produktionsversorgung und andere Handling-Schritte sind kaum automatisiert. Die Technik steckt noch in den Kinderschuhen, vieles ist fehleranfällig und für den Praxiseinsatz noch nicht stabil genug. Besonders wenn zahlreiche Varianten im Spiel sind, ist ein Handling durch Roboter schwierig und der Mensch noch immer im Vorteil.

Wer sich allerdings ein wenig näher mit dem Thema beschäftigt, erkennt schnell, dass sowohl in der Forschung als auch im industriellen Umfeld vielversprechende Lösungen entstehen. Bei KUKA, Pionier in der Robotik und einer der weltweit führenden Hersteller von Industrierobotern, übernimmt bereits heute ein sensitiver, mobiler Leichtbauroboter leichte Logistikaufgaben. Zwar noch nicht in dem Tempo, wie dies ein ausgewiesener Logistiker erledigt. Aber immerhin: der Weg ist vorgezeichnet.

Welcher Stellenwert dieser Technik zuerkannt wird, zeigt auch das Beispiel der jährlich stattfindenden „Amazon Picking Challenge“: Auf Einladung des Handelsriesen entwickeln Hochschulen bei diesem Wettbewerb spezielle Roboter, die sie gegeneinander antreten lassen, um unterschiedlichste Produkte zu kommissionieren. Letztendlich sucht Amazon über diesen Wettbewerb nach einem Roboter, der auf mittlere Sicht ein Großteil der heutigen Kommissionierkräfte ersetzt.

Die Digitalisierung setzt einen tiefgreifenden Wandel im Unternehmen voraus, der nicht unterschätzt werden darf. Damit dieser Change-Prozess nicht zu kurz greift, ist es wichtig, das Thema Industrie 4.0 ganzheitlich als Teil der Digitalisierung zu betrachten und alle direkt und indirekt Beteiligten auf dem Weg mitzunehmen – intern, aber auch extern.

Wir sind fest überzeugt, dass sich dieser Markt rasant entwickeln wird. Schon jetzt drängen junge Player mit innovativen Technologien auf den Markt, die sich der Lösung spezieller Probleme annehmen. Das deutsche Start-up „Magazino“ zum Beispiel entwickelt und baut wahrnehmungsgesteuerte, mobile Roboter, die in der Lage sind, über 2D- und 3D-Kameras einzelne Objekte in einem Lager­regal zu identifizieren, zu lokalisieren, sicher zu greifen und präzise an ihrem Bestimmungsort wieder abzulegen.

Wer ein neues Lager plant und die Potenziale voll ausschöpfen möchte, ist sicherlich nicht schlecht beraten, solche und ähnliche Lösungen mit in Betracht zu ziehen und den Markt entsprechend zu scannen. Die beste Lösung muss nicht unbedingt vom altbekannten „Platzhirschen“ kommen. Doch auch hier gilt: Das Gesamtkonzept muss stimmig sein, beginnend mit dem IT-System und der Datenqualität bis hin zu den Prozessen und den involvierten Mitarbeitern.

Starten, nicht warten

Ein Supply-Chain-Management, das die Chancen der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung in der Industrie zu nutzen weiß, zeichnet sich durch höhere Effizienz und größeren Kundennutzen aus. Und genau mit diesen Zielen sollte ein SCM 4.0 auch geplant und umgesetzt werden. Abzuwarten und auf neue Lösungen zu hoffen, halten wir beim Thema 4.0 für keine gute Idee. Vielmehr raten wir produzierenden Unternehmen dazu, schnellstmöglich die richtigen Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Welches Verständnis von Industrie 4.0 haben wir und was genau heißt Industrie 4.0 für uns?
  • Welchen Nutzen können wir selbst aus Industrie-4.0-Lösungen ziehen? Eignen sich unsere Produkte überhaupt dazu? Und: welche Anpassungen wären erforderlich, damit wir Nutzen aus Industrie 4.0 ziehen können?
  • Im nächsten Schritt gilt es (selbst)kritisch den eigenen Reifegrad zu bestimmen: Wo stehen wir mit unserem Unternehmen heute? Haben wir überhaupt schon durchgängige IT-Systeme im Einsatz?
  • Aufbauend auf dieser Statusanalyse und einer objektivierten Reifegradabschätzung gilt es anschließend die Position zu definieren, die man mit Blick auf die eigene Branche und die wichtig­sten Wettbewerber einnehmen möchte: Wo wollen wir hin? Wohin müssen wir uns vielleicht aber auch entwickeln, weil unsere Wettbewerber uns dazu drängen? Wie weit wollen oder müssen wir in Richtung Industrie 4.0 voranschreiten, um unsere Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit nicht aufs Spiel zu setzen? Letztlich geht es hier darum, die unternehmensindividuelle Industrie-4.0-Strategie zu erarbeiten.
  • Ist die Strategie festgelegt, steht als nächstes die Technologie im Fokus: Gibt es Technologien, die zu unserer spezifischen Industrie-4.0-Ausrichtung gut passen und bereits zum jetzigen Zeitpunkt zur Verfügung stehen? Welche dieser Technologien oder welcher Technologie-Mix verspricht den größten Nutzen?
  • Zu hinterfragen ist aber auch, welche Hausaufgaben erst noch gemacht werden müssen: Haben wir intern schon die erforderlichen Voraussetzungen für Industrie 4.0 geschaffen? Verfügen wir über die erforderliche Datenqualität? Haben wir unsere Prozesse im Griff? Sind alle anderen Effizienzpotenziale in der Logistik und in der Supply Chain wirklich schon ausgeschöpft?
  • Und schließlich gilt es noch, eine Roadmap zu erarbeiten und festzulegen, in welchen Schritten das Ziel erreicht werden und bis zu welchem Zeitpunkt welche Strecke des Weges zurückgelegt sein soll.

Aus all dem wird ersichtlich: SCM und Logistik 4.0 ist kein Selbstzweck und auch kein Thema, dass allein der Logistik überlassen oder von einer speziellen SCM-Unit aufgegriffen und weiterentwickelt werden darf. Sicherlich gibt es einzelne Themen, die von der Logistik-Leitung oder dem SCM-Verantwortlichen angestoßen werden können. Am Ende des Tages steht aber das Top-Management in der Verantwortung. Ohne dessen klares Commitment ist eine Transformation zur SCM & Logistik 4.0 schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Nach aller Erfahrung setzen sich dann die Beharrungskräfte und das „Silo-Denken“ in besonders mächtigen Unternehmensfunktionen durch.

Im Supply-Chain-Management 4.0 wird alles miteinander vernetzt. Ein Silo-Denken sollte sich daher kein Unternehmen mehr leisten. Viele Unternehmen werden ihre Organisationsstruktur ein Stück weit anpassen müssen. In interdisziplinären Teams zusammenzuarbeiten, wird zu einer Selbstverständlichkeit werden. Dies gilt auch unternehmensübergreifend.

Ein professioneller Blick von außen und eine neutrale fachliche Beurteilung des Status quo und der unternehmensspezifischen SCM-4.0-Potenziale trägt nach aller Erfahrung in hohen Maße dazu bei, schneller und auf eine effizientere Art und Weise zu einer optimalen Ausrichtung zu kommen und die ersten Schritte auf dem Weg in die neue SCM-4.0-Welt reibungsfreier zu bewältigen. Vor allem, wenn lange Zeit bewährte, nun aber nicht mehr zeitgemäße Strukturen aufzubrechen sind, sollte auf die moderierende Rolle eines erfahrenen Transformationsexperten nicht verzichtet werden: dessen Vorteil liegt – neben der speziellen fachlichen Expertise – insbesondere darin, dass er weder bei der Lösungskonzeption noch bei der Umsetzung auf übertriebene Bereichsegoismen Rücksicht nehmen muss.

TMG INSIGHTS-Ausgabe 14 erschienen: "Supply Chain Management & Logistik"

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