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TMG-INSIGHTS 19 ARTIKEL: „Digitalisierte Supply Chain bringt Transparenz und messbare Effizienzgewinne“

TMG-INSIGHTS 19 ARTIKEL: „Digitalisierte Supply Chain bringt Transparenz und messbare Effizienzgewinne“

DIE NUTZENEFFEKTE EINER DIGITALISIERTEN UND VERNETZTEN LIEFERKETTE ENTSPRECHEN IN HOHEM MASSE DEN UREIGENEN ZIELEN DES SUPPLY-CHAIN-MANAGEMENTS von Norbert Haas und Benjamin Hölzle, TMG CONSULTANTS

Dem Supply-Chain-Management kommt in der globalisierten und immer stärker digitalisierten Industriewelt von heute eine Schlüsselrolle zu. Auf die besonderen Herausforderungen, die aus den beiden Megatrends „Globalisierung“ und „Digitalisierung“ resultieren, sind die meisten Lieferketten in ihrer heutigen Konfiguration allerdings nur unzureichend vorbereitet. Defizite und entsprechende Verbesserungspotenziale lassen sich insbesondere auf der Beschaffungsseite der Supply Chain ausmachen. Auf technisch schon lange mögliche Optimierungen wird hier viel zu oft verzichtet – auch, weil die Verantwortlichen unsicher sind, welchen Nutzen sie wirklich aus einer durchgängig digitalisierten Lieferkette schöpfen können. Beispiele aus unterschiedlichen Unternehmen zeigen hier eindeutig: Ein Supply-Chain-Management, das die Chancen der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung konsequent zu nutzen weiß, wird sowohl durch eine höhere Effizienz in der Lieferkette als auch durch größeren Kundennutzen belohnt. Die SCM-relevanten Fokusthemen der Digitalisierung – „Big Data“, „Cloud-Plattformen“ und „Track & Trace“ – besitzen das Potenzial, SCM & Logistik in allen Bereichen nachhaltig zu verändern.

Supply-Chain-Verantwortliche sehen sich schon seit einiger Zeit vor zusätzliche höchst anspruchsvolle Herausforderungen gestellt:

  • Kunden fordern in zunehmendem Maße individuelle Produkte und Services. Auf der Anbieterseite führt dies zu breiten Produktsortimenten mit vielen Varianten und immer neuen Modellen.
  • Die neuen, immer kundenindividueller erstellten Produkte müssen in immer kürzeren Zyklen auf den Markt gebracht werden. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die Losgrößen in der Produktion immer kleiner werden – bis hin zu Losgröße 1.
  • Die deutlich kürzeren Innovations- und Produktlebenszyklen erfordern im Supply-Chain-Management beschleunigte Anlauf- und Beschaffungsprozesse.
  • Die Lieferketten werden zusehends globaler. Dadurch steigt – neben der Produktkomplexität – auch die Komplexität im System und im Lieferantennetzwerk weiter an.
  • Gleichzeitig drängen immer mehr Wettbewerber mit innovativen digitalen Produkten und Services auf den Markt. Die Digitalisierung des eigenen Geschäftsmodells führt unter anderem zu steigendem Aufwand bei Planung und Steuerung der Supply Chain.
  • Kunden legen immer größeren Wert auf einen hohen Servicegrad. Auch der zunehmende Wettbewerb und die hohe Volatilität der Nachfrage zwingen die Anbieter dazu, den Service-Grad verstärkt in den Fokus zu nehmen.

Auf all diese Herausforderungen sind die Unternehmen mit der heutigen Konfiguration ihrer Lieferketten nach unseren Beobachtungen nur unzureichend vorbereitet. Geredet wird über die Digitalisierung der Lieferkette als Hebel zur nachhaltigen Verbesserung von Effizienz und Kundennutzen schon seit geraumer Zeit – auch im obersten Management. Doch bei der Umsetzung hakt es bei den meisten Unternehmen an vielen Stellen. Das hat unter anderem auch die im Januar 2018 veröffentlichte TMG-Studie „SCM 4.0“ gezeigt1: Zwischen der hohen Bedeutung, die Führungskräfte dem Thema „Digitalisierung und Vernetzung der Supply Chain“ zumessen und dem in der betrieblichen Praxis aktuell vorzufindenden Umsetzungsstand besteht demnach eine deutliche Diskrepanz.

1 - Ein PDF der TMG-Studie „SCM 4.0“ kann per E-Mail an insights@tmg.com angefordert werden

Eine aktuell typische Situation in der Supply Chain produzierender Unternehmen veranschaulicht in einer vereinfachten Form Abbildung 1. Im gesamten Prozess der Planung und Auftragsabwicklung gibt es sehr viele Medienbrüche im Informationsfluss und immer wieder manuellen Aufwand. Sichtbar wird dies unter anderem an der Vielzahl dezentral erstellter Excel-Listen, in denen irgendjemand irgendetwas plant, korrigiert, nachträgt etc. Echte Transparenz über den Produktionsfortschritt beim Lieferanten gibt es nicht. Und was bei Sublieferanten passiert, weiß erst recht niemand.

 

Abbildung 1:
Heutige Situation
in der Supply Chain
produzierender Unternehmen

Der unnötig hohe manuelle Handlingsaufwand für die Bearbeitung von Dokumenten führt unter anderem zu hohen Prozesskosten bei der Planung und Steuerung. Die Disposition muss immer mal wieder manuell eingreifen. Von einer transparenten Supply Chain sind die Unternehmen weit entfernt. Niemand weiß so recht, was in der Lieferkette passiert. Als Konsequenz daraus kommt es zu häufigen Umplanungen und dem Aufbau erhöhter Bestände als Sicherheitspuffer.

Weil es an Transparenz mangelt, werden den Kunden zudem Liefertermine zugesagt, die oftmals dann doch nicht eingehalten werden können. Falsche oder ungenaue Angaben zu Lieferterminen verärgern die Kunden und lassen sie unzufrieden werden. Nicht selten kommt es als Folge wichtiger Terminüberschreitungen zu teuren Strafzahlungen.

Diese Schwachstellen und Defizite finden wir bei sehr vielen Lieferketten. Sie sind für den derzeitigen Status in den Supply Chains produzierender Unternehmen geradezu charakteristisch. Fakt ist allerdings auch, dass sich ein Großteil dieser Schwachstellen durch eine durchgängig digitalisierte und vernetzte Supply Chain vermeiden lassen.

Handlungsempfehlungen zur Digitalisierung der Supply Chain

Wir sind überzeugt: Über kurz oder lang wird die digitale Transformation für jedes produzierende Unternehmen zum Pflichtprogramm werden. Dem Supply-Chain-Management ist im Rahmen der Gesamtstrategie zur digitalen Transformation ein besonderer Stellenwert einzuräumen. Basierend auf dem TMG-Beratungsansatz zur digitalen Transformation und eigenen Praxiserfahrungen haben wir einige Handlungsempfehlungen ausgearbeitet, die wir für zwingend erforderlich halten, um Vorhaben zur durchgängigen Digitalisierung und Vernetzung der Supply Chain zum Erfolg zu führen.

  1. Die digitale Transformation und SCM 4.0 sind „Chefsache“ und müssen im Unternehmen auch so gehandhabt werden. Wie bei anderen Veränderungsprojekten mit großer Tragweite wird auch ein Vorhaben zur Digitalisierung der Supply Chain scheitern, wenn es kein glasklares Commitment und die volle Unterstützung „von ganz oben“ gibt.
  2. Grundsätzlich braucht es auch eine vom Topmanagement abgesegnete dedizierte Digitalisierungsstrategie für die Supply Chain, die zur digitalen Gesamtstrategie des Unternehmens passen muss. Die Strategie zur digitalen Transformation ist aus der Unternehmensstrategie abzuleiten bzw. mit ihr abzustimmen.
  3. Unerledigte „Hausaufgaben“ sind zu identifizieren und schnellstmöglich zu erledigen, um die Digitalisierung der Supply Chain von einer soliden Basis aus starten zu können.
  4. Um die Lücke zwischen der Realität und den in der Digitalisierungsstrategie festgelegten Zielen zu schließen, ist eine Roadmap auszuarbeiten. Dadurch wird verhindert, dass bei der Umsetzung unkoordiniert oder gar aktionistisch vorgegangen wird.
  5. Basistechnologien wie Track & Trace, Big Data Analytics und Cloud-Plattformen haben einen gewissen Reifegrad erreicht und müssen im Unternehmen einen Stellenwert eingeräumt bekommen, der ihrer hohen Bedeutung entspricht.
  6. Die Technologien alleine werden es aber nicht richten – auch die eigene SCM-Organisation und die Prozesse sind im Hinblick auf die neue Ausrichtung zu überprüfen.
  7. Geeignete Partner sind zu identifizieren, um den Netzwerk-Gedanken in Kooperationen konkret zu leben.
  8. Eine kontinuierliche, offene Kommunikation ist unerlässlich, um alle Mitarbeiter auf die Transformations-Reise mitzunehmen.
  9. Auf allen Ebenen müssen die Mitarbeiter und Führungskräfte kontinuierlich für die neue digitale Welt qualifiziert werden.
  10. Und last but not least braucht es auch eine Kultur des „Trial and Error“, um Mut zu machen, auch neue Wege zu gehen. Wir halten es auf diesem Themenfeld für extrem wichtig, einfach mal kleinere Pilotprojekte aufzusetzen, um Erfahrungen zu sammeln. Und wenn solche Projekte dann doch nicht die Ergebnisse liefern wie erhofft, darf das kein Beinbruch sein. Niemand weiß heute genau, welche Entwicklungen und Windungen die digitale Transformation noch nehmen wird.

Strukturiertes Vorgehen ist Pflicht

Zur Umsetzung dieser generischen Handlungsempfehlungen hat sich in der Praxis ein strukturiertes Vorgehen bewährt. In unseren Digitalisierungsprojekten starten wir grundsätzlich mit einer Standortbestimmung und einem SCM 4.0 Assessment – mit dem Ziel, Schwachstellen in der Supply Chain und konkrete Optimierungspotenziale zu identifizieren. Basierend auf diesen Schwachstellen und dem ermittelten unternehmensspezifischen SCM-4.0-Reifegrad lassen sich erste Handlungsempfehlungen für den Kunden ableiten. Eine detaillierte Analyse der bestehenden Prozesse, Strukturen und IT-Systeme liefert im nächsten Schritt die Grundlage für die Konzeption eines konkreten Zielbildes. Wichtig ist auch hier, dass Prozesse, Strukturen, Systeme und Technologie zueinander passen.

Erst nachdem dieser Soll-Zustand definiert und verabschiedet ist, macht es Sinn, mit kleineren Pilotanwendungen zu starten und im „Trial and Error“-Modus Erfahrungen zu sammeln. Viele der neuen Technologien sind einfach zu implementieren. Konnten prinzipieller Nutzen und Umsetzbarkeit der betreffenden Lösung „im Kleinen“ nachgewiesen werden, lassen sich die entsprechenden Anwendungen wesentlich leichter im Unternehmen ausrollen.

Mittlerweile gibt es in allen SCM-Gestaltungsbereichen Technologien und digitale Lösungen, mit denen sich Effizienz und Effektivität in der Lieferkette verbessern lassen. Dabei zeigt sich, dass Digitalisierungs- und Vernetzungsthemen sowohl bei der Netzwerk-Gestaltung und dem System-Design als auch bei der Planung und der operativen Ausführung der aktuellen Herausforderungen eine immer wichtiger werdende Rolle spielen.

Die von uns identifizierten Fokusthemen – allen voran Big Data & KI, Cloud-Plattformen und Track & Trace-Lösungen – haben das Potenzial, das Supply-Chain-Management in allen Bereichen nachhaltig zu verändern (Abbildung 2).

 

Abbildung 2:
SCM-4.0-Gestaltungsbereiche
und relevante Fokusthemen

Für besonders interessant halten wir – um einmal ein konkretes Beispiel herauszugreifen – die Möglichkeiten, die sich Unternehmen schon jetzt im Gestaltungsfeld der „Digitalen und vernetzten Supply-Chain-Steuerung“ durch Cloud-Plattformen und „Track & Trace“-Technologien bieten. Mit einer Cloud-basierten Software-Suite, die als zentrale Kommunikations- und Steuerungsplattform alle Partner einbindet – Spediteur, Zollbroker, Lieferanten und sogar Sublieferanten – lassen sich die eingangs anhand der Abbildung 1 skizzierten typischen Schwachstellen in der Lieferkette nahezu vollständig vermeiden.

Eine Bestellung wird bei dieser Cloud-basierten Lösung grundsätzlich über die Plattform an den Lieferanten übermittelt. In der Planung & Auftragsabwicklung arbeitet niemand mehr mit Excel-Listen, Mail oder anderen Kommunikationstechniken. Fehleingaben gehören der Vergangenheit an. Da die Plattform alle Partner in der Supply Chain einbindet, kann jeder von Beginn an sehen, dass diese Bestellung eingegangen ist. Der Lieferant meldet in regelmäßigen Abständen seinen Produktionsfortschritt, die zentrale Planung & Auftragsabwicklung hat alles auf einem Dashboard im Blick und muss im Prinzip nur eingreifen, wenn eine rote Ampel aufblinkt, weil irgendwo etwas nicht so läuft wie vorgesehen.

Über eine Cloud-basierte Software-Suite wird Echtzeit-Transparenz in der Lieferkette hergestellt. Eine „Early Warning“-Funktion zeigt sofort an, wenn irgendwo etwas nicht so funktioniert wie geplant. Auf Knopfdruck ist eine vollständige Übersicht über das gesamte Lieferantennetzwerk abrufbar. Alle Dokumente werden zentral über die Plattform verwaltet und liegen dort in digitaler Form vor. Der in der Disposition und bei der Lieferantensteuerung normalerweise anfallende Aufwand lässt sich als Konsequenz daraus nachhaltig reduzieren. In einem konkreten Fall konnten wir nachweisen, dass durch die Plattform eine vergleichbare Anzahl an Aufträgen mit deutlich weniger Personal abge­wickelt werden konnte. Die Durchlaufzeit ließ sich verkürzen. Gleichzeitig gab es weniger Produktionsausfälle: Da jederzeit Transparenz über die Materialverfügbarkeit gewährleistet war, konnte in der Produktion besser geplant werden. Teure Sonderfrachten waren nicht mehr erforderlich, dies trug ebenfalls zu einer Reduzierung der Logistikkosten bei. Und last but not least ließen sich auch der Service-Grad und die Kundenzufriedenheit verbessern.

Mittlerweile gibt es mehrere Plattformlösungen, die auf die Beschaffungsseite der Supply Chain fokussieren. Die von uns genutzte Software-Suite zeichnet sich unter anderem durch ihre einfache Handhabbarkeit und schnelle Implementierbarkeit aus. Die wesentlichen Nutzeneffekte dieser Lösung sehen wir in den messbaren Effizienzgewinnen und der deutlich verbesserten Transparenz über die komplette Beschaffungsseite der Supply Chain.

Drei Säulen zur integrierten Vernetzung und Digitalisierung der Beschaffung

Zukunftsweisende Lösungen zur integrierten Digitalisierung und Vernetzung der Beschaffung fußen auf drei Säulen (Abbildung 3).

 

Abbildung 3:
Die drei Säulen zur
integrierten Digitalisierung
und Vernetzung der Beschaffung

Säule 1: Strukturen und Prozesse

Bevor Plattformlösungen – wie oben skizziert – eingesetzt werden können, müssen Strukturen und Prozesse überprüft und angepasst werden. Effiziente und standardisierte Prozesse zur Planung und Steuerung sowie eine durchgängige und interdisziplinär zusammengesetzte SCM-Organisation sind nach unserer Erfahrung unerlässliche Grundvoraussetzungen, um eine durchgängig digitalisierte Beschaffung realisieren zu können. Bei den strukturellen und prozessualen Anpassungen sollten von vornherein Überlegungen angestellt werden, wie sich Medienbrüche möglichst vermeiden lassen und Abläufe weiter beschleunigt werden können.

Säule 2: Kollaboration und Vernetzung

Wer mit seinen Lieferanten über eine Plattform zusammenarbeiten möchte, muss zu diesen und anderen Supply-Chain-Partnern ein gewisses Vertrauensverhältnis aufbauen. In dieser Form arbeitet man gewiss nicht mit jedem Lieferanten zusammen. Und auch nicht alle Lieferanten wollen in dieser transparenten Form kooperieren. Für produzierende Unternehmen bedeutet dies, im Vorfeld Überzeugungsarbeit leisten zu müssen und dabei vor allem die gemeinsamen Vorteile dieser zukunftsweisenden Lösung aufzuzeigen. Im Zweifel werden Konkurrenten den Weg zur Cloud-basierten Plattformlösung für die Beschaffung beschreiten und die Vorteile daraus für sich zu nutzen wissen.

Säule 3: IT als Enabler

Diskussionen zur Digitalisierung der Supply Chain thematisieren sehr oft die technischen Aspekte. Aus unserer Sicht ist die IT aber nur der Enabler für die integrierte Digitalisierung und Vernetzung der Beschaffung: Sie bildet den zentralen Knotenpunkt zwischen Systemen und Lieferanten. Über diesen Knoten lassen sich die Kommunikation und der Austausch untereinander entscheidend vereinfachen. Die echten Nutzenpotenziale werden dagegen über intelligente Lösungen in den beiden äußeren Säulen der Abbildung generiert – bei den „Strukturen & Prozessen“ sowie im Handlungsfeld „Kollaboration & Vernetzung“.

Wir sind überzeugt: Ein Supply-Chain-Management, welches die bestehenden Möglichkeiten zur Digitalisierung und Vernetzung der Lieferkette optimal zu nutzen weiß, wird sowohl die Effizienz im Netzwerk nachhaltig verbessern – durch schnellere Auftragsabwicklung, reduzierten Planungs- und Steuerungsaufwand, geringere Sicherheitsbestände etc. – als auch seinen Kunden einen größeren Nutzen liefern. Aus diesem Blickwinkel betrachtet deckt sich der Nutzen einer digitalisierten und vernetzten Lieferkette in idealer Weise mit den ureigenen Zielen des Supply-Chain-Managements.

TMG-INSIGHTS Ausgabe 19 erschienen: "Digitale Transformation"

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